Der Begriff »Vibe« hat sich in den letzten Jahren zu einer zentralen Kategorie der Gegenwartskultur entwickelt. In Popmusik, sozialen Medien, Film, Fernsehen, Gaming und digitalen Plattformökologien fungiert er als alltagssprachliches Instrument zur Beschreibung von Stimmungen, Atmosphären und affektiven Qualitäten. Orte, Dinge, Personen, Kunstwerke oder Medienangebote können heute einen bestimmten »Vibe« haben – man resoniert mit ihnen oder lehnt sie ab, »fühlt« sie oder eben nicht. Zugleich bleibt der Begriff bemerkenswert unscharf: Mal meint er Stimmung, Atmosphäre oder Energie, mal beschreibt er schwer artikulierbare Formen von Verbindung, Chemie oder sozialer Passung. Gerade diese semantische Offenheit macht »Vibe« zu einem aufschlussreichen Diagnosebegriff gegenwärtiger Kultur.
Die Tagung »Vibe Cultures – Phänomene, Diskurse, Ideologien« nimmt diese Ambivalenz zum Ausgangspunkt. Einerseits soll »Vibe« kritisch auf seine Verflechtungen mit Plattformkapitalismus, digitaler Gouvernementalität und affektiver Ökonomie hin untersucht werden. Andererseits interessiert uns das produktive Potential des Begriffs als kulturanalytisches Instrument, mit dem sich Transformationen von Ästhetik, Subjektivität, Wahrnehmung und Macht erfassen lassen. »Vibes« erscheinen dabei nicht bloß als diffuse Gefühle, sondern als kulturell produzierte und medial vermittelte Zwischenformen von Körper, Technik, Raum, Zeit und Affekt.
Besonders deutlich wird dies im Bereich der Popmusik. Hier lassen sich unter dem Begriff »Vibe« spezifische Stimmungseffekte und affektive Hörweisen fassen, die weniger über semantische Inhalte als über klangästhetische Arrangements erzeugt werden. Bereits Zhanés Song Vibe (1994) formulierte mit der Aufforderung »Listen to the vibe« ein Rezeptionsmodell situativen, körperlich-affektiven Hörens. In unterschiedlichen Genres erscheinen dabei je eigene Vibe-Semantiken: im Hip-Hop als Coolness und Attitüde, im Techno als Club-Atmosphäre und Ereignis, im R&B als Intimität und Nähe, im K-Pop als audiovisuelles Designprodukt.
Zugleich werden »Vibes« zunehmend ökonomisch operationalisiert. Plattformen wie Spotify organisieren ihre Kataloge entlang von Moods, Activities und Vibes (»Chill Hits«, »Deep Focus«, »Late Night Vibe«) und transformieren ästhetische Erfahrung in datenförmige, algorithmisch verwertbare Affektprofile. Auch in Film, Fernsehen und Gaming gewinnen »Vibes« als alltagskulturelle Kategorien an Bedeutung – etwa in Debatten um »Comfort TV«, »Cozy Games« oder nostalgische Medienästhetiken. In sozialen Medien fungieren sie darüber hinaus als Marker von Zugehörigkeit, Distinktion und Authentizität. In der App-Entwicklung spricht man darüber hinaus von »Vibe Coding«, wenn man die kreative Ideenfindung mit Hilfe von KI-gestützter Programmierung meint. Vor diesem Hintergrund lädt die Tagung dazu ein, das, was wir »Vibe Cultures« nennen wollen, als zentrale Kategorie gegenwärtiger Affektkulturen interdisziplinär zu diskutieren.
Mögliche Themenfelder
- Theorien, Genealogien und Begriffsgeschichten des »Vibe«
- Vibe, Stimmung, Atmosphäre, Affekt und Resonanz
- Vibes in Popmusik, Sound Studies und Clubkulturen
- Vibration, Körperlichkeit und materielle Klangästhetiken
- Vibes in Film, Fernsehen, Streaming und Serienkulturen
- Cozy Cultures, Comfort Media und Gaming-Ästhetiken
- Plattformkapitalismus, algorithmische Kuration und Mood-Management
- Vibes als soziale Codes: Klasse, Geschlecht, Race, Sexualität
- Influencer-Kulturen, Self-Branding und Authentizitätsperformanzen
- Meme-Kulturen, TikTok-Trends und virale Affektformen
- Politische Vibes: Stimmungslagen, Ideologien und digitale Öffentlichkeiten
- Methodische Zugänge zur Erforschung diffuser Gegenwartsbegriffe
Leitfragen
Wir freuen uns über Beiträge aus Medien- und Kulturwissenschaft, Musikwissenschaft, Soziologie, Film- und Fernsehwissenschaft, Game Studies, Gender Studies sowie angrenzenden Disziplinen, die sich an den folgenden Leitfragen orientieren:
Begriffsarbeit und Epistemologie: Sind »Vibes« kulturelle Phänomene oder ontologische – und lässt sich diese Unterscheidung überhaupt aufrechterhalten? Was genau bezeichnet »Vibe«, das nicht bereits durch Begriffe wie Stimmung, Atmosphäre, Affekt oder Aura abgedeckt wäre? Worin liegt das spezifische epistemische Potential des Begriffs?
Plattformen und algorithmische Gouvernementalität: Wie transformieren digitale Plattformen die Produktion, Zirkulation und Wahrnehmung von »Vibes«? Wenn Plattformen affektive Umgebungen durch Tempo, Klangfarbe und Empfehlungslogik aktiv gestalten: Ist die vermeintlich rohe Schwingung dann längst ein Designziel? Welche Rolle spielen algorithmische Kurationspraktiken bei der Ökonomisierung von Affekten?
Ästhetik und Medienkultur: Wie werden »Vibes« in zeitgenössischen Medienkulturen ästhetisch erzeugt – etwa in Film, Fernsehen, Musik, Games oder Social Media? Wie verhält sich der »Vibe«-Begriff zu bestehenden ästhetischen Konzepten wie Stimmung, Atmosphäre oder Mood? Was leisten Kategorien wie »Comfort TV« oder »Cozy Games« für ein Verständnis gegenwärtiger affektiver Mediennutzung?
Soziale Ordnungen und Politik: Wer bestimmt, welche Schwingungen als angenehm oder bedrohlich gelten – und entlang welcher sozialen Achsen? Wie strukturieren »Vibes« Inklusions- und Exklusionsprozesse in Fankulturen und digitalen Öffentlichkeiten? Inwiefern sind »Vibes« mit Geschlechterordnungen, Klasse und kulturellem Kapital verschränkt?
Materialität und Körper: Wie verhalten sich »Vibes« zu körperlichen Wahrnehmungsprozessen? Wessen Körper gilt dabei als sensorische Norm – welche »Vibes« werden als universell lesbar behandelt, welche als Rauschen aussortiert? Wie lässt sich die Spannung zwischen vorkognitiver Unmittelbarkeit und kultureller Vermittlung theoretisch fassen?
Einreichung und Organisation
Die Tagung wird von Tomy Brautschek, Kathrin Dreckmann, Maximilian Haberer, Susanna Kothen, Oliver Kröner und Björn Sonnenberg-Schrank der Abteilung für Medien- und Kulturwissenschaft der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ausgerichtet und findet vom 26. bis 28. November 2026 statt. Bitte senden Sie Ihren Vorschlag (max. 300 Wörter Abstract und eine Kurzbiographie) bis zum 21.06.2026 an vibe2026 [at] hhu [dot] de. Vorträge können auf Deutsch oder Englisch gehalten werden. Die Ergebnisse der Tagung sollen in einem begutachteten Sammelband veröffentlicht werden.

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