Bericht Workshop „Publikationsstrategien“ auf der GfM-Jahrestagung 2018

Im Rahmen der GfM-Jahrestagung 2018 in Siegen (D) fand auch ein von der AG Auditive Kultur und Sound Studies initiierter Workshop statt, der allen Interessierten offenstand. Er widmete sich dem Thema „Publikationsstrategien“ in Zeiten zunehmender Medienkonvergenz in Folge der Digitalisierung. Impulsreferate der AG-Mitglieder Kiron Patka (Audio Online), Felix Gerloff (Audio Paper) und Ania Mauruschat (Podcast) leiteten den Workshop ein, der in eine lebhafte Diskussion der vorgestellten Formate und ihrer Potentiale mündete.

Das Workshop-Team

Ania Mauruschat
Felix Gerloff
Kiron Patka

Zum Hintergrund des Workshops

Bereits seit Längerem wird innerhalb der AG über die Förderung von wissenschaftlichen Publikationsmöglichkeiten zu Sound und dessen medienadäquate Darstellung diskutiert. Aufbauend auf dem Relaunch der AG-Website von Ende 2017 und dem erklärten Ziel mittels der Website die AG im Internet als zentrale Ansprechpartnerin im deutschsprachigen Raum für das relativ junge Forschungsfeld der Auditiven Kultur und Sound Studies zu etablieren, widmete sich der Workshop den Fragen:

Wie lassen sich hörbare Klänge als argumentative Bestandteile von Publikationen einbinden?
Welche alternativen A- und AV-Dokumentationsformen sowie -Publikationsformate bieten sich an – wie zum Beispiel Podcast und Video?

Diskussionen, die bereits in anderen AG-Treffen immer wieder geführt worden waren, sollten im Rahmen dieses Workshops konzentriert behandelt werden, um darauf aufbauend möglichst eine Strategie für die weiteren Bemühungen der AG und ihrer Sprecherinnen um künftige Publikationen herauszuarbeiten. Entsprechend stand vom Open Access Online Journal über Hybride zwischen Print und Online bei Büchern oder Journal-Sonderheften bis zu genuinen Audio-Formaten wie Audio Paper und Podcast alles zur Diskussion.

Audio Online

Kiron Patka als Redakteur des AG-Weblogs widmete sich in seinem Impulsreferat v.a. der Frage, wie sich der Blog durch Audio-Elemente anreichern lassen könnte. Dazu stellte Kiron ausgewählte Beispiele aus journalistischen Kontexten vor, bei denen gezielt Audio-Dateien in die Online-Berichterstattung eingebunden werden. Anhand  von „Das Grosse Orchester der Tiere. Vom Ursprung der Musik in der Natur“ von Bernie Krause zeigte Kiron zuerst typische Probleme bei der Verknüpfung von Print und Audio auf: Das Buch und die illustrativen Audios wurden an voneinander getrennten medialen Orten publiziert, was es mühsam macht, zwischen Print und Audio hin und her zu wechseln, und den Lese- und Hörfluss gravierend stört.

Medienbruch Print/Online

Das Beispiel war Ausgangspunkt für eine Diskussion darüber, wie eine fluidere Verknüpfung von gedrucktem Buch und auditiven oder audiovisuellen Inhalten aussehen könnte. Das Konzept der Tiptoi-Kinderbücher – ein elektronischer „Stift“ als Audioplayer reagiert auf Antippen spezieller Hotspots auf den präparierten Buchseiten und spielt daraufhin entsprechende Geräusche, gesprochene Erläuterungen oder Musik ab – ließe sich womöglich für wissenschaftlich-publizistische Anforderungen weiterentwickeln.

Als ein relativ konventionelles aber dafür sinnvolles und überzeugendes Beispiel nannte Kiron Webreportagen, wie sie seit einigen Jahren große Zeitungen wie die New York Times hin und wieder veröffentlichen, z.B. über die Schneebrettlawine von Tunnel Creek, WA, USA. Außerdem sei es online auch möglich, nur einzelne Textabschnitte mit Audio zu hinterlegen, wie dies beispielsweise bei der Geschichte „Pop ist kein weisser heterosexueller Mann“ des Online-Radiosenders detektor.fm geschehen sei.

Sound interaktiv und argumentativ

Eine weitere Variante sei es, Audios in Texten über explizite Sound-Themen bereits argumentativ einzusetzen, wie bspw. in eine Reportage zum Verhältnis von Sound und Architektur, die ebenfalls in der New York Times veröffentlicht wurde.

Kirons viertes Positivbeispiel sollte zeigen, wie Audios als Spektrogramme in Ton und Bild auch analytisch präsentiert werden könnten. Leider war sein einschlägiges Beispiel aus einem FAZ-Artikel über das Knistern eines Korallenriffs jedoch online nicht mehr richtig zugänglich. So bedauerlich dies auch war, zugleich hatte es den Nebeneffekt, dass die Aufmerksamkeit der WorkshopteilnehmerInnen auf eine zentrale Herausforderung multimedialer Online-Publikationen gerichtet wurde, auf die Frage nämlich: Wie lässt sich garantieren, dass audiovisuelle Inhalte online vorgehalten werden und auch wesentlich nach ihrer Publikation noch zugänglich sind? Eine erste mögliche Antwort darauf wurde im Rahmen der GfM-Jahrestagung bereits mit dem Launch des Media/Rep/ – Repositorium für Medienwissenschaft gegeben, das sich genau dies zum Ziel gesetzt hat:

„Das Open-Access-Repositorium media/rep/ macht Publikationen (Aufsätze, Zeitschriften, Bücher) aus dem Bereich der Medienwissenschaft ohne Zugangsbeschränkung und im Volltext zugänglich.
Das Repositorium hält seine Inhalte dauerhaft vor, macht sie weltweit online verfügbar und bietet die Möglichkeit, Forschungsergebnisse komfortabel durchsuchen oder durchstöbern zu können.
Wissenschaftler/innen, Studierende und Interessierte können auf dieser Plattform mit wenigen Klicks für sie relevante Literatur auffinden und im Rahmen eigener Forschungsprojekte oder für die Lehre herunterladen und nutzen.“

Im Augenblick nimmt media/rep/ ausschließlich Texte auf. Hoffentlich wird es in Zukunft auch für AV-Inhalte erweitert.

Zuverlässiges Hosting: eine Herausforderung

Ergänzend zu Kirons Positivbeispielen einer sinnvollen Integration von Sound in Online-Berichte und der Frage der Archivierung und Zugänglichhaltung, wies Ania Mauruschat noch kurz auf das Studs Terkel Radio Archive als herausragendes, innovatives Beispiel für Audios im Internet hin: Nach 20 Jahren Planung, Fundraising, Digitalisierung und Umsetzung ist dieses Archiv im Sommer 2018 online gegangen, um die bedeutenden Gespräche des berühmten US-amerikanischen Radio-Moderators Studs Terkel (1912–2008) der Öffentlichkeit frei zugänglich zu machen. Im Sinne eines „living archives“ haben die NutzerInnen sogar die Möglichkeit, die Gespräche nicht nur herunterzuladen, sondern diese auch online zu remixen und zu verbreiten.

Audio Papers

Ausgehend von dem epistemologischen Paradigma der Medienwissenschaft, dass Medien an unseren Gedanken mitschreiben, wandte Felix Gerloff sich in seinem Impulsreferat den Fragen zu, ob Text immer noch das primäre wissenschaftliche Medium sei, ob alle Forschung in die althergebrachte Printform gepresst werden müsse bzw. wie adäquat dies noch sei oder ob man dem Reichtum sinnlicher Wahrnehmung nicht auch durch andere Modalitäten der medialen Übersetzung gerecht werden könne.

Als Beispiel für eine Alternative stellte er das akademische Format des sog. Audio Papers  vor, ein Impuls aus Dänemark, bei dem auch mittels nicht-sprachlicher Klänge Teile eines Forschungsgegenstandes präsentiert werden und eine sonische Argumentation, die über eine repräsentationale Verwendung von Klängen hinausgehen kann, entwickelt wird. Die Erforschung der Potentiale des Audio Papers stand denn auch im Zentrum der Tagung Fluid Sounds, die 2015 in Kopenhagen stattfand. Gemeinsam mit Sebastian Schwesinger, mit dem er ebenfalls das Forschungsprojekt Sonic Thinking durchführt, hatte Felix im Rahmen dieser Konferenz ein Audio Paper präsentiert. Ihre Erfahrungen im Rahmen der Konferenz und mit dem Format arbeiteten die beiden in dem Artikel Sonic Thinking: Epistemological Modellings of the Sonic in Audio Papers and Beyond aus.

Fluid Sounds Konferenz 2015 in Kopenhagen

Im Workshop berichtete Felix von den Herausforderungen, mit denen sowohl die ProduzentInnen der Audio Paper als auch ihre Peer-ReviewerInnen konfrontiert waren. So stellte sich zum Beispiel die Frage, wie man für ein so neuartiges, ungewohntes Format Qualitätsstandards etabliere, was als Kennzeichen ihrer Wissenschaftlichkeit gelten könne, welches Vokabular man zur Beschreibung benutze und nach welchen Kategorien man solche Audio Paper als Peer-ReviewerIn schließlich bewerten solle.

Als Überleitung zum Impulsreferat von Ania Mauruschat zu Podcast in Wissenschaft und Lehre stellte Felix abschließend noch das Projekt Kulturwelle vor: Ursprünglich ein Projekt im Rahmen der Lehre des Instituts für Kulturwissenschaft der Humboldt Universität Berlin hat sich diese Audio-Initiative in ein freies Radiokombinat weiterentwickelt.

Podcasting

Der Begriff Podcast wurde um 2004 geprägt und ist ein Portmanteau aus iPod und broadcast. Ursprünglich bezeichnete er digital produzierte und vertriebene Audio-Beiträge im Internet, die in regelmäßigen Abständen publiziert wurden und via RSS Feed abonniert und heruntergeladen werden konnten. Im deutschsprachigen Raum sind Podcasts erst in den vergangenen rund fünf Jahren zu einem größeren Thema geworden und erfreuen sich auch in Wissenschaft und Lehre zunehmender Beliebtheit. Gegenwärtig gibt es v.a. im englischsprachigen Raum bereits erste Ansätze, Podcast Studies als neues akademisches Feld zu etablieren.

The Road to Brexit – Podcastprojekt an der Uni Basel (2018)

Da Podcasts in ihren Forschungs- und Praxisbereich fällt, berichtete Ania ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen: So war sie als langjährige Radiojournalistin z.B. gebeten worden, mit TeilnehmerInnen des Seminars The Road to Brexit an der Universität Basel im Frühjahr 2018 einen Podcast zu den Resultaten der Lehrveranstaltung zu erstellen. Außerdem war sie mit Hilfe des SANAS US Embassy Travel Award im September 2018 nach Chicago, Boston und New York gereist, um vor Ort zur US-amerikanischen Podcast-Szene und ihre Geschichte zu recherchieren (engl. Bericht siehe hier).

Im Rahmen ihres Vortrages stellte Ania außerdem unterschiedliche Podcasts und ihre Nutzung im akademischen Kontext vor. So gäbe es beispielsweise v.a. in den USA hervorragende Podcasts im Grenzbereich von Journalismus und Wissenschaft wie Uncivil und Seeing White des Center for Documentary Studies der Duke University, die sich beide aus unterschiedlicher Perspektive mit US-amerikanischer Geschichte und Rassismus beschäftigen. Aber auch im deutschsprachigen Raum würden immer häufiger Podcasts von WissenschaftlerInnen eingesetzt, um mit ihrer Forschung eine größere Öffentlichkeit zu erreichen.

„Hinter den Dingen“-Podcast des Sonderforschungsbereichs „Episteme in Bewegung“ an der FU Berlin

So ist beispielsweise kürzlich der Wissenschaftspodcast Hinter den Dingen des SFB „Episteme in Bewegung“ an der Freien Universität Berlin gelauncht worden, und auch das Graduiertenkolleg Kleine Formen an der Humboldt Universität Berlin hat seinen eigenen Podcast microform, in dem in regelmäßigen Abständen Gespräche mit WissenschaftlerInnen sowie Beiträge zu einer akustischen Enzyklopädie veröffentlich werden. Solche Beispiele werden von KritikerInnen zwar bisweilen auch als Belege für die Neoliberalisierung des Wissenschaftsbetriebes angeführt, hinsichtlich Länge und Komplexität sind anspruchsvolle Wissenschaftspodcasts allerdings oft alles andere als leichte Kost. Außer um Ergebnisse der eigenen Forschung oder von Seminaren zu dokumentieren, würden Podcasts auch immer häufiger in der Lehre eingesetzt, z.B. um „Radiomachen“ zu unterrichten.

Auch die AG Auditive Kultur und Sound Studies hat bereits einen ersten Versuch mit dem Format gemacht. So dokumentierte Luisa Drews Highlights der AG-Tagung 2018 in Hildesheim in einem Podcast, der auf der AG-Website verlinkt ist. Im Rahmen des Workshops stellte sich aber natürlich auch die Frage, welche anderen Möglichkeiten es gäbe, das Format Podcast strategisch für die AG sinnvoll einzusetzen.  So wäre es sicherlich wünschenswert, die Highlights der nächsten AG-Tagung „Akustische Dokumente / Sonic Documents“ im Januar 2019 ebenfalls wieder auf diese Weise zu dokumentieren. Außerdem könne man darüber nachdenken, auch andere, relevante Vorträge als Podcasts auf dem Weblog zu verlinken oder gezielt Interviews zu Publikationen und Forschungsprojekten zu veröffentlichen. Last but not least könnte ein erster, zielführender Schritt in Richtung mehr Audio-Inhalte auf dem Weblog das Anlegen eines Verzeichnisses relevanter Podcasts sein.

Sollte das Format Podcast in den kommenden Jahren mehr Bedeutung für die AG Auditive Kultur und Sound Studies gewinnen, so wird es jedoch auch nötig sein, sich intensiver mit der Frage nach akustischen Qualitätsstandards und entsprechend auch mit Fragen des Equipments, der technischen Skills und der Produktionsmöglichkeiten auseinanderzusetzen.

In die Praxis

Um die neuen Möglichkeiten der Verbindung von Print und Audio im akademischen Kontext nicht nur zu diskutieren, sondern auch praktisch anzugehen und ihre Potentiale zu erforschen, wurde in Siegen beschlossen, sich um ein ZfM-Themenheft der AG Auditive Kultur und Sound Studies zu bemühen. Erste Gespräche mit der ZfM-Redaktion diesbezüglich wurden bereits geführt. Ziel bis zur nächsten AG-Tagung am 18./19. Januar 2019 in Bochum ist es nun, einen Exposé-Entwurf für die Bewerbung um so ein ZfM-Sonderheft zu erstellen. Dieser Entwurf soll dann auf der AG-Sitzung diskutiert werden. Wer Interesse hat, an diesem Entwurf mitzuarbeiten und ggf. auch MitherausgeberIn zu sein (max. 3–4 Leute), möge sich bitte so bald wie möglich bei Ania Mauruschat (mail@aniamauruschat.de) melden.

Wie von Felix Gerloff angeregt, wird einer der TOPs des nächsten AG-Treffens auch die Möglichkeit einer weiteren Buchpublikation als Bestandsaufnahme der Forschungstätigkeit der AG-Mitglieder sein (bisherige AG-Bücher: Frank Schätzlein/Harro Segeberg (Hg.): Sound. Zur Technologie und Ästhetik des Akustischen in den Medien. Marburg, Schüren 2005; Axel Volmar/Jens Schröter (Hg.): Auditive Medienkulturen. Bielfeld, Transkript 2013) Außerdem hat Christoph Borbach die Initiative ergriffen und will sich um die Open-Access-Dokumentation von ausgearbeiteten Vorträge der kommenden AG-Tagung kümmern. In beiden Fällen wäre es wünschenswert, die Integration von tatsächlichen Soundbeispielen bei der Konzeption der Publikationen zu bedenken.

Angesichts dieser zahlreichen angedachten Publikationen (Open-Access-PDF und Podcast-Dokumentation AG-Tagung 2018, Buchpublikation zum aktuellen Spektrum der AG-Arbeit, multimediale ZfM-Sonderausgabe) in den kommenden Monaten und Jahren, wurde als Resultat dieses Workshops das ebenfalls seit Längerem diskutierte Projekt der mittel- bis langfristigen Gründung eines Open-Access-Journals erst einmal auf Eis gelegt. Wie Recherchen und ein Erfahrungsaustausch mit dem Vorstand der Radio Research Section der ECREA zum Versuch das Radio, Sound & Society Journal neu zu etablieren ergeben haben, scheint eine Gründung und regelmäßige Publikation so eines Journals ohne eine feste institutionelle Anbindung und eine gesicherte finanzielle Unterstützung vorerst nicht realisierbar.

                                                                                                            Ania Mauruschat

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