Sounds matter! Zur AG-Tagung „Acoustic Intelligence“


Autor*innen

Jan Torge Claussen

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Jan Torge Claussen (2020): Sounds matter! Zur AG-Tagung „Acoustic Intelligence“. In: Auditive Medienkulturen, 10. Januar 2020. Online: http://www.auditive-medienkulturen.de/2020/01/10/sounds-matter-zur-ag-tagung-acoustic-intelligence/

Am 30.01.2020 beginnt die Jahrestagung der GfM-AG Auditive Kultur und Sound Studies zum Thema Acoustic Intelligence – Hören und Gehorchen.

 „Acoustic intelligence“ ist ein Begriff der militärischen Überwachung und beschreibt den Informationsgewinn durch das Speichern und Prozessieren akustischer Phänomene. Bei der Jahrestagung der GfM-AG Auditive Kultur und Sound Studies 2020 soll dieser Begriff in einem weiteren Sinne des (Ab-)Hörens und Gehorchens verstanden werden. Hieraus eröffnen sich zum einen Perspektiven, die das Ohrenmerk auf die Herausbildung akustischer Überwachungs- und Reglementierungsprozesse legen. Zum anderen rücken bei einem weiteren Verständnis von „acoustic intelligence“ auch maschinelle agencies in den Fokus, beispielsweise in Form selbstlernender Algorithmen und künstlicher Intelligenzen. Leitgebend für die Tagung sind somit Fragen nach Hörregimen, -techniken und Dispositiven, wie auch nach der Handlungsmacht von Kompositions- und (Ab-)Hörgeräten im Kontext elektronischer und digitaler Technologien. 

Die Tagung wird veranstaltet von Anna Schürmer, Maximilian Haberer und Tomy Brautschek. Zur Einstimmung wurden Sie gebeten, sich gewissermaßen klanglich zu positionieren: “Wenn Ihr einen konkreten Sound, eine Komposition oder ein Musikstück nennen müsstet, das für Euch persönlich das Thema der Tagung besetzt, worum würde es sich konkret handeln? Begründet in maximal 5 Sätzen Eure Auswahl!”

Anna Schürmer: ELEKTROAKUSTIK, EIN MISSBRAUCH VON HEERESGERÄT

Karlheinz Stockhausens Komposition Kontakte ist ein musikalischer Meilenstein der Medienmoderne: Das vierkanalige Stück entgrenzte die Klangerzeugung mittels Lautsprechern vom genialen, aber makelbehafteten menschlichen Interpreten und erhob den Schöpfer zum Alleinherrscher über die Bewegung der Musik im Raum. Etwa im Kugelauditorium, dem deutschen Pavillon bei der Weltausstellung 1970 in Osaka, wo die Kontakte hunderte Male das Publikum auf der schalldurchlässigen Membran in der Mitte des kreisrunden Konzertsaales umkreisten und also akustisch umzingelten. Es ist schließlich kein Zufall, dass dieses Kugelauditorium nahezu baugleich mit den Abhöranlagen der NSA aus dem Kalten Krieg ist: Nachrichtendienstliche Kommunikationssatelliten und Elektroakustik bedienen sich der selben Mittel. Oder frei nach Friedrich Kittler: (Elektronische) Musik ist so gesehen nichts Anderes als „Missbrauch von Heeresgerät“.

Maximilian Haberer: DIE STILLE DES ABHÖRENS

Abhören als Mittel der Spionage kann in der Regel nur unbemerkt gelingen und ist idealtypisch zunächst eine stumme Tätigkeit. Doch wie in Spionagefilmen wie „Das Leben der Anderen“ oder „The Conversation“ dargestellt, ist zumindest die Stille des Abhörens auf Tonband nur vermeintlich. Denn spätestens beim Anhören der Bandaufnahme wird die Tätigkeit des Abhörens selbst lautbar: Vom sanften Rauschen des Tapes über das plötzliche Hoch- und Runterschnellen der Stopp-Taste bis hin zu den geisterhaften Geräuschen des Vor- und Zurückspulen des Bandes. So entsteht über das Abhören von Tonbändern eine ganz eigene Soundperformance, die das Abhörmedium selbst hörbar macht. Verdeutlicht findet man diese unbeabsichtigte Medienklangperformance beispielsweise in der folgenden Szene aus Francis Ford Coppolas „The Conversation“.

Tomy Brautschek: TALKBACK UND DIE ÄSTHETIK DER DURCHSAGE

Regieanweisungen in der Tonproduktion erfolgen im Studio in der Regel via Talkbackfunktion aus dem Kontroll-  in den Aufnahmeraum. Was zunächst als kommunikative Überbrückung der akustisch-räumlichen Trennung im Studioapparat installiert wurde, kann unweigerlich auch als Machtinstrument dienen. Während jegliche akustische Regung im Aufnahmeraum einer vom Kontrollraum komplex-gesteuerten Abhörsituation ausgeliefert ist, hören Sänger und Musiker aus der Regie zuweilen nur das, was ihnen von Ingenieuren und Produzenten an auditiven Informationen zugeschaltet wird. Der Klang, der durch das Talkback übertragenen Stimme, erinnert hierbei an die Soundästhetik der Durchsage, bei der Informationen vornehmlich als Anweisungen oder Kommandos über elektroakustische Sprachverstärker übermittelt werden. Anhand dieses akustischen Dispositivs lassen sich so hierarchische Strukturen und Disziplinartechniken aufzeigen, die zum einen den Künstler als Unterwerfungsfigur konstruieren und sich zum anderen in einem Spannungsfeld zwischen Hören und Gehorchen bewegen.


Die Jahrestagung der AG Auditive Kultur und Sound Studies findet vom 30.1. bis 1.2.2020 in Düsseldorf statt. Das (vorläufige) Programm kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden: