Interdisziplinäre Tagung „Noise Pollution“

Vom 4. bis zum 5. Februar 2021 findet an der Universität Freiburg die Tagung “Noise Pollution” als Kooperation des Instituts für Medienkulturwissenschaft und des ZPKM – Zentrum für Populäre Kultur und Musik Freiburg statt. Sie wird organisiert von Dominik Schrey, Evi Zemanek und Knut Holtsträter.
Anmeldung über dominik.schrey@mkw.uni-freiburg.de

Hier geht es zum Tagungsprogramm.

Obwohl die Arbeitssprache der geplanten Tagung Deutsch ist, wurde mit Noise Pollution ein englischer Titel gewählt, da in der deutschen Übersetzung „Lärmbelästigung“ der semantische Nuancenreichtum des englischen Begriffs weitgehend verloren geht: Der Begriff noise mit seinen zwei Hauptbedeutungen „Störung“ und „Rauschen“ gehört zu den etablierten Kerngegenständen medienwissenschaftlicher Forschung. Anders als in der alltagssprachlichen Verwendung ist der Begriff in diesem Kontext überwiegend positiv konnotiert. Denn erst vor dem Hintergrund von Störungen, Rauschen oder Kommunikationszusammenbrüchen werden die Bedingungen beobachtbar, unter denen Kommunikation funktioniert. Auch in der Kunst und speziell der Musik spielt diese Relativität von noise auf mehreren Ebenen eine zentrale Rolle: Während sich die Geschichte technischer Aufzeichnungs- und Übertragungsmedien als Geschichte der Bemühung beschreiben lässt, jegliche Form von Störung und Rauschen aus der Kommunikation zu verbannen, folgt auf jeden entsprechenden Erfolg zuverlässig ein Trend der nostalgischen Aufwertung des gerade Verdrängten (etwa das Knistern der Schallplatte im Zeitalter von CD und Mp3). 
Doch auch in anderer Hinsicht ist die Definition von noise Gegenstand kultureller Aushandlungsprozesse: vom avantgardistischen Zelebrieren des Lärms der Moderne bei den Futuristen bis hin zur selbstbewussten Appropriation der Herabwürdigung verschiedener populärer Musik-Genres als noise offenbart sich eine weitere Bedeutungsvariante des englischen Begriffs, nämlich die von Lärm und Krach. Diese akustische Semantik, die insbesondere in Kombination mit dem Begriff pollution aufgerufen wird, bezieht sich nicht nur auf eine bestimmte Kategorie von unerwünschten Geräuschen, sondern auch auf deren Lautstärke. Dadurch wird der Fokus auf eine weitere Dynamik gelenkt, denn Lautstärke ist traditionell verbunden mit Fragen der Machtverteilung innerhalb von Gesellschaften: Wer (oder was) kann oder darf für sich wann und wo beanspruchen, laut zu sein? Wer entscheidet, was als Lärm gilt und was nicht? 
Da die Ohren – anders als die Augen – nicht einfach geschlossen werden können, kommt Medientechnik hier eine besondere Rolle zu: In diesem Kontext sind für uns nicht nur jene Praktiken und Techniken von Interesse, mit deren Hilfe Lautstärke gesteigert wird – vom Lautsprecher zum modernen Cochlea-Implantat –, sondern auch die gegenteilige Praxis: jene Kulturtechniken der Produktion von Stille und der Abschirmung oder Dämmung von Lärm, die mit der Industrialisierung und der mit ihr einhergehenden Lärmbelastung im täglichen Leben enorm an Bedeutung gewonnen haben. 
Bereits um 1900 werden in europäischen Großstädten die ersten Antilärm-Vereine gegründet, die neben der Reduktion des Verkehrs- und Industrielärms auch für eine stärkere Regulierung des urbanen Nachtlebens eintreten und daher (damals wie heute) polarisieren. Mit der Einführung zuverlässiger Methoden der Lautstärke-Messung in den 1920er Jahren bekommt diese Diskussion um die Regulierung von Lärmbelastung eine neue Dimension: Lärm wird nun nicht mehr nur erzeugt und beklagt, sondern zunehmend auch vermessen, protokolliert, kartiert und kontrolliert. Als Folge dessen werden Grenzwerte festgelegt und schließlich Strategien zur Einhegung von Lärm umgesetzt, die den Schall nicht mehr erst an seiner Grenze zum Ohr stoppen sollen, sondern diese Grenze weg vom Körper (Immission) und hin zur Lärmquelle (Emission) verschieben. 
Auch in diesem Kontext zeigt sich wieder jene Relativität des Konzepts noise, die es ratsam erscheinen lässt, mit dem englischen Begriff zu operieren: Die Schallschutzmauern etwa, die entlang von Zugstrecken oder Autobahnen hochgezogen werden, sollen Anwohner*innen vor dem Verkehrslärm schützen, können aber selbst durchaus wieder als Störung – nun nicht mehr im akustischen, sondern im optischen Sinn – wahrgenommen werden, da sie meist ästhetisch wenig reizvoll sind und den Blick auch dann blockieren, wenn gerade kein Zug oder Auto vorbeifährt. Um solche Probleme zu vermeiden und die Stadt als „akustisches Territorium“ (Brandon Labelle) gezielt zu gestalten, wird inzwischen auf eine ganze Reihe unterschiedlicher Praktiken und Techniken gesetzt, die es aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive zu erschließen gilt. Schließlich ist das „Sound Design“ des öffentlichen Raums eine Angelegenheit, bei der Lösungen häufig neue Probleme schaffen, wie sich etwa an den geräuschlosen Elektrofahrzeugen zeigt, die aufgrund ihrer reduzierten Hörbarkeit zu einem erhöhten Unfallrisiko führen können. 
Im Vergleich zu den beschriebenen historischen Dimensionen haben moderne technomediatisierte Formen des noise cancelling oder der noise reduction in der Forschung bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erfahren. Bereits der Walkman, der in den 1980er Jahren das Musikhören nachhaltig mobilisierte, wurde als personalisierter akustischer Raum gedeutet, den man mit sich herumträgt und durch den man vom tatsächlichen Raum, durch den man sich bewegt, getrennt wird. Die jüngst extrem beliebten noise cancelling headphones gehen in dieser Hinsicht jedoch deutlich weiter, insofern sie aktiv das Rauschen der Großstadt genauso aus dem eigenen akustischen Erleben herausfiltern wie z.B. die typischen Geräuschkulissen von Flugzeugen oder Zügen. Diese technische „Domestizierung“ von noise basiert auf Algorithmen, die komplexe psychoakustische Modelle operationalisieren und Rauschen gleichsam mit Rauschen bekämpfen. 
So zeigt sich, dass noise auch in dieser Hinsicht stets über zwei Seiten verfügt: Ästhetik und Anästhetik. Rauschen und Störung können Zusammenhänge wahrnehmbar machen (und Zusammenhänge können als noise wahrnehmbar gemacht werden), aber die Störung kann – als Rauschen – eben auch Zusammenhänge verschleiern und dem sinnlichen Zugriff entziehen. Dies gilt freilich nicht nur für die Dimension des Akustischen. Die kürzlich als Prototyp vorgestellte Augmented-Reality-Brille, die dazu dienen soll, algorithmisch alle Autos aus dem Stadtbild zu entfernen, ließe sich genauso als Technik der noise reduction beschreiben wie andere denkbare Anwendungen, die unerwünschte Aspekte aus der Wahrnehmung filtern. Die Diskussion über „Noise Pollution“, die wir eröffnen möchten, wird zwar primär auf der Ebene des Akustischen geführt werden, dabei aber stets auch andere Formen von noise mitzudenken haben.
Ein wichtiger Fokus liegt dabei auf dem ökologischen Aspekt, der nicht nur in Form der bereits erwähnten Dimension von noise als psychosozialem Stressfaktor eine zentrale Rolle spielt: Denn pollution lässt sich nicht nur als „Belastung“ übersetzen, sondern auch als „Verschmutzung“. Anders als noise ist der Begriff der pollution durchweg negativ konnotiert und Gegenstand zahlreicher aktueller Debatten. „Lärmverschmutzung“ – im Gegensatz zur psychosozialen „Lärmbelastung“ – stellt dabei eine Sonderkategorie in den ökologischen Diskursen dar. Denn anders als bei den meisten Formen von Umweltverschmutzung sammelt sich Lärmverschmutzung nicht kontinuierlich über lange Zeiträume hinweg an und hinterlässt auch nur indirekte Spuren. Dennoch handelt es sich durchaus um ein Problem der Akkumulation, und erst über die dezidierte Perspektive auf die Zeitdimension erschließt sich das Problem der noise pollution, wie insbesondere der Blick auf die konstante Lärmverschmutzung der Ozeane belegt.

Quelle: https://www.medienkulturwissenschaft.uni-freiburg.de/termine-1/interdisziplinaere-tagung-noise-pollution-am-04-05-februar-2021