Im Rausch(en) der Informationen. Warum das Internet als akustischer Raum gedacht werden muss


Autor*innen

Solveig Ottmann

Diesen Beitrag zitieren

Solveig Ottmann (2021): Im Rausch(en) der Informationen. Warum das Internet als akustischer Raum gedacht werden muss. In: Auditive Medienkulturen, 3. Juli 2021. Online: https://www.auditive-medienkulturen.de/2021/07/03/im-rauschen-der-informationen-warum-das-internet-als-akustischer-raum-gedacht-werden-muss/

Solveig Ottmann


Medien beeinflussen die Art und Weise, wie wir kommunizieren und die Welt um uns herum wahrnehmen. Im Laufe der Menschheitsgeschichte veränderten sich die medialen Technologien immer wieder maßgeblich, überbrückten zunehmend Zeit und Raum und beschleunigten die Übertragung von Informationen. Heute haben das Internet und das World Wide Web den Globus mit ihren Knotenpunkten und Linien in ein signalverarbeitendes und -übermittelndes Netzwerk eingewoben, das uns in eine Art kommunikativen Dauerrauschzustand versetzt. Die spezifischen Übertragungs- und Übermittlungsprinzipien des Internet brechen die Prinzipien ‚klassischer‘ Medien auf; mehr noch: das Internet fungiert als Noise, als Rauschen und ‚Verrauscher‘, das sich in bestehende kommunikative Ordnungen einnistet und diese reorganisiert. Klassische Kommunikationsmodelle reichen kaum aus, um diese mediale Situation und die so gezeitigten Kommunikationsphänomene, von denen Beispiele wie die massive Verbreitung von Fake News im World Wide Web nur als offensichtlich problematische Varianten zu nennen sind, angemessen zu erfassen. Begreift man das Internet nicht ausschließlich als Netzwerk und technologische Infrastruktur und das World Wide Web nicht nur als grafische Oberfläche, sondern (auch) als akustischen Raum, werden Desiderate der Internetgeschichtsschreibung und der medientheoretischen Reflektion offengelegt, die medienärchäologisch aufzuarbeiten sind. Was dies für die medienwissenschaftliche Erforschung des Internet bedeuten kann, wird in der folgenden Projektskizze aufgezeigt.


Noisy Internet!

Das World Wide Web (WWW) ist eine lärmige Kommunikationsumgebung, eine Sphäre voller Rauschen: Social Media, Webseiten, eine unüberschaubare Anzahl von Apps und Nachrichtendiensten und E-Mails, von denen fast die Hälfte unerbetener Spam sind, überschütten Nutzer_innen geradezu mit Informationen. Unter dieser belebten Oberfläche des WWW liegt das Internet, das manifeste aber für uns weitgehend unsichtbare technologische Apriori. Es ist das im Verborgenen liegende Netzwerk, das all diese grafischen Oberflächen, Anwendungen und Netze innerhalb des Inter(connected)net(work) beherbergt und die Signal-, Daten- und Informationsübertragung zwischen den Knotenpunkten gewährleistet.

Die Kommunikations- und Informationsstrukturen, die im und durch das Internet ermöglicht werden, bringen seit seiner Etablierung tiefgreifende Veränderungen in den Kommunikationsprozessen mit sich, die sich auf allen Ebenen beobachten lassen. ‚Digitale Medien‘ stehen hierbei in Wechselwirkung mit ‚traditionellen‘, also analogen, Medien, deren Wirkungsweise sie mal verstärken, mal abschwächen oder gänzlich neue hervorbringen. Nimmt man als Beispiel die Informationslage zu Covid-19, wurde und wird das regelrechte Rauschen der Information, die WHO nennt sie Anfang 2020 eine #Infodemie, sichtbar. Auf vielen Kanälen überschlugen sich die Ereignisse, wobei sich Vieles ungeordnet und ungebündelt darstellte und wiederholte. Nutzt man bspw. den Dienst Google News, der die Angebote klassischer Tageszeitungen in digitaler Form bündelt, zeigt sich, dass die Nachrichten tendenziell ohne Struktur und vermeintlich ungefiltert erscheinen, sich aber gleichzeitig in einer ganz eigenen Ordnung darstellen. Aktuelle Nachrichten stehen neben Nachrichten von vor zwei Tagen, publizistische Angebote stehen unabhängig von ihren Verlagshäusern nebeneinander.

Im facebook-Feed hingegen wechseln sich Nachrichten-Meldungen mit Werbung, privaten Posts oder Beiträgen diverser Institutionen ab. Konkret bedeutet dies in Zeiten von Fake News und der sogenannten Post-Truth-Era: Im Rausch(en) der Information(en) wird es zunehmend aufwendiger und schwerer, relevante von irrelevanten, korrekte von inkorrekten, faktentreue von falschen Nachrichten zu unterscheiden. Dies geschieht zum einen, weil teilweise gezielt mit manipulierten und/oder gefälschten Informationen Agenden verfolgt werden. Zum anderen, weil es sowohl für Journalisten als auch für User, die gleichermaßen zur Infosphäre beitragen, aufgrund der schieren Fülle, Vielfältigkeit sowie der Schnelligkeit dieses digitalen Raumes kaum noch möglich scheint, Schritt zu halten.

Dieses mediale Gefüge ist nicht ohne Vorgeschichte, wie der Blick in die Mediengeschichte deutlich macht. Schon das ‚klassische‘ Medium Zeitung hatte die Tendenz, dem Leser unzusammenhängende Informationen vorzulegen. Anders als im Medium Buch – um in den folgenden Darstellungen auf Marshall McLuhan zu rekurrieren –, das angesichts seiner medialen Grundstruktur Informationen linear übermittelt und sich für die Ausarbeitung komplexer Argumente anbietet, stehen in der Zeitung atomisierte Inhalte in all ihrer Varietät und Heterogenität nebeneinander. Durch die redaktionelle Pflege und Zusammenstellung der Inhalte entsteht dennoch eine gewisse Struktur, die die unterschiedlichen Bestandteile als diskontinuierliches Mosaik zueinander in Resonanz setzt und so eine in sich geschlossene und unveränderliche Einheit (d.h.: eine Ausgabe) formt. Verstärkt wurde dies durch die aufkommende Telegrafie, die die Informationsübermittlung über Raum- und Zeitgrenzen hinweg ermöglichte und so als elektrisches Medium die print-lineare Fixierung des Buches aufzubrechen begann. Das Elektronische Zeitalter wurde eingeläutet und damit mediale Interaktions- und Kommunikationsformen geschaffen, die einen neuen Erfahrungsraum eröffneten.

Der acoustic space oder: Die vernetzte instant world of all-at-onceness

Diesen neuen Raum beschreibt McLuhan seit den 1960er Jahren als acoustic space, wenn er in seinen Schriften die kommunikativen Phasen der Menschheitsgeschichte aufarbeitet: angefangen vom Menschen als tribal man, der in einem acoustic age lebte, über die Phase des written age (Gutenberggalaxis) und die Massenproduktion (Fordismus) bis hin zum global village und dem elektronischen Zeitalter. Als ausschlaggebend für die verschiedenen Stadien macht er jeweils die sich verändernden (Medien-)Technologien verantwortlich, die die Gesellschaft in der jeweiligen historischen Phase auf kommunikativer Ebene bestimmten (vgl. Abb. 1).

Abb. 1: (Animiertes) Google Doodle zum 106. Geburtstag von Marshall McLuhan am 21.07.2017. McLuhan teilt die Geschichte in unterschiedliche Phasen ein, die maßgeblich durch Kommunikationsformen und Technologien bestimmt sind. Quelle: Google Doodle, https://www.google.com/doodles/marshall-mcluhans-106th-birthday [Zugriff: 17.3.2020].

Zunächst mit der Entwicklung des phonetischen Alphabets, später dann massiv durch Gutenbergs Druckerpresse und damit dem massenhaften Distribuieren von schriftlich fixiertem Wissen, fand der Übergang vom von McLuhan genannten acoustic space zum visual space statt. War die Welt des Menschen im acoustic space/age noch – stark verkürzt gesprochen – von Interaktionen und Kommunikation geprägt, die in dessen unmittelbarem Umfeld stattfanden und die mit allen Sinnen erfahrbar waren, eröffnete die Schriftkultur und damit das written age die Sphäre für die Kommunikation über große räumliche und zeitliche Distanzen. Dies bedeutete den Eintritt in perspektivische, also visuell geprägte, und abstrakte Erfahrungsräume, den visual space. Dieser brachte tiefgreifende Veränderungen mit sich. ‚Real‘ wurde so nicht mehr nur das, was sinnlich erfahrbar, sondern was (er)denkbar wurde. Für das 19. Jahrhundert beobachtet McLuhan ausgehend von der elektrischen Telegraphie eine sich erneut verändernde Welt. Die Länder wurden umfangreich vernetzt, Orte waren über Telegramme schnell zu erreichen: die Welt wurde zum globalen Dorf, das elektronische Zeitalter begann. Die in der Folge entstehenden elektronischen Medien (Radio, Film, Telefon, Fernsehen und Computer) katapultierten den Menschen in einen Zustand oraler Kommunikation (acoustic space) zurück. Dieser war nun allerdings transformiert. Die – idealisiert gesprochen – medial herbeigeführte Linearität, die den visual space prägt(e), wurde durch die einsetzende Gleichzeitigkeit neuer Kommunikation, in der disparate Elemente nebeneinandergestellt werden, aufgebrochen. Diese Kommunikationssituation diskutiert McLuhan zwar vor allem am Medium Fernsehen, dennoch imaginiert er auch anhand des Computers Entwicklungstrends, die das Internet als reconfigured acoustic space (vgl. z.B. McLuhan/McLuhan 1988) vorwegnehmen und konzeptualisieren.

Kommt man zum einleitenden Beispiel zurück lässt sich erkennen, dass im Web die Informationen nun noch weit vielfältiger und ungeordneter sind als in der klassischen Zeitung und zudem einer ständigen Dynamik unterworfen. Im Web, und damit dem Inbegriff einer „software world of instant electric communications movement“ (McLuhan 1969, 72), passiert ‚alles‘ gleichzeitig und rund um die Uhr, Informationen kommen ‚von überall her‘. Was durch die Telegrafie angestoßen wurde und sich schon bei der ‚klassischen‘ Zeitung als ‚Verrauschung‘ darstellte, gipfelt nun in der Beschaffenheit und Funktionsweise des Internet und seinen Oberflächen wie dem WWW, das als noisy in all der Ambiguität des Begriffs aufgefasst wird. Das Internet ist ein Diffusor, ein Streukörper also. Es ist ein Unruhe- aber auch Anstifter (in) einer neuen, digitalen Ordnung, es nistet sich parasitär als Noise, als Störung, in sämtliche vernetzte kommunikative Phänomene ein (vgl. Dotzler/Ottmann 2020). Lineare und sequentielle Kommunikationsmodelle (visual space) greifen nun aber zu kurz, um dies zu erfassen, wie auch Dotzler nahelegt, wenn er fordert, die elektr(on)ischen Medien in anderen als visuellen, nämlich akustischen, Kategorien neu zu denken (vgl. Dotzler 2015). Mit der Bestimmung als acoustic space eröffnet sich eine neue Verständnisweise des Internet, dessen Kommunikations-, Übertragungs- und Übermittlungsprinzipien in Form einer Arbeitshypothese als acousticness oder ‚Akustizität‘ konzeptualisiert werden. Gleichzeitig werden so Desiderate der Internetforschung freigelegt und in der Geschichtsschreibung bisher vernachlässigte Fundamente dieser Akustizität sichtbar, die bis zu den Ursprüngen des Internet zurückreichen und medienarchäologisch aufzuarbeiten und medientheoretisch einzuordnen sind.

Die akustische Epistemologie des Internet

So abstrakt es zunächst erscheint, die Akustizität des Internet erforschen zu wollen, so naheliegend wird es, richtet man die Aufmerksamkeit auf die durch das Konzept des acoustic space freigelegten Leerstellen in der Entstehungsgeschichte des Internet. Im Sinne einer medienarchäologischen Vorgehensweise, deren Ziel es ist, verschüttete Fundamente und Wissensbestände medientechnologischer Entstehungszusammenhänge aufzudecken, und auch untergründige Beziehungen, historische Brüche und scheinbar irrelevante – weil nicht ‚zum Erfolg führende‘ – Entwicklungsstränge zu beachten, bekommen bis dato als nebensächlich erachtete Einflüsse im Kontext des ARPANET, in dem die Entstehung des Internet begründet liegt, Bedeutsamkeit (vgl. Kasten).

info

Seinen Ausgangspunkt nahm das Internet in den USA der 1960er Jahre. Im Zuge des Sputnik-Schocks gründete 1959 das US Department of Defense die bis heute bestehende Advanced Research Projects Agency (ARPA) – heute: Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) –, deren Funktion es war, Projekte zur Vernetzung und zu fortschrittlichen Technologien anzustoßen und zu finanzieren. Initiale Zielsetzung war es, ein Kommunikationsnetzwerk mit zuverlässigen Signal- und Datenübertragungswegen aufbauen zu lassen. Hierzu wurden zahlreiche von der ARPA finanzierte Projekte ins Leben gerufen und diverse Firmen beteiligt. So z.B. das von J.C.R. Licklider angestoßene Information Processing Techniques Office (IPTO) oder die Involvierung von Bolt Beranek and Newman (BBN), eine 1948 gegründete Firma für die Beratung in akustischen Fragen und die Umsetzung akustischer Projekte, die das erste Netzwerk implementierte und mit der Einrichtung der Interface Message Processors (IMPs) betraut war, die die Nachrichtenübertragung zwischen Computern erlaubte. Das daraus resultierende Netzwerk, das sog. ARPANET, verknüpfte zunächst die am Projekt beteiligten Universitäten und aus anfangs nur drei, dann vier Knotenpunkten erwuchs über wenige Jahre hinweg ein weitverzweigtes Kommunikationsnetzwerk (vgl. Abb. 2).


Abb. 2: Karte des ARPANET im Dezember 1970 mit 18 Knoten und 24 Verbindungslinien. Quelle: UCLA & BBN, Wikimedia, CC BY-SA 4.0.

In vielfältigen Entwicklungsschritten etablierten sich in den 1970er Jahren standardisierte Netzwerkprotokolle, die 1982/83 im Transmission Control Protocol/Internet Protocol (TCP/IP) mündeten und so den Zusammenschluss unterschiedlichster Netzwerke erlaubte und der Begriff des interconnected networks sich zu etablieren begann. Parallel bildeten sich erste Dienste zum Datenaustausch und zur Kommunikation aus (so z.B. E-Mail oder Boards). Mit der Entwicklung von HTML (Hypertext Markup Language) im Jahre 1989 durch Tim Berners-Lee am Schweizer Cern war der Startschuss für die Entwicklung des World Wide Web gelegt. Mit der Öffnung des bis dahin rein für wissenschaftliche Zwecke verfügbaren Internet für kommerzielle Zwecke im Jahre 1990 sowie der Einführung des ersten grafischen Webbrowsers Mosaic im Jahre 1993, der nun auch Nutzern ohne spezifische IT-Kenntnisse den Zugang ermöglichte, begann der Siegeszug der vernetzten computergestützten Kommunikation wie wir sie heute verstehen.

Obschon ein Großteil der Computer-Pioniere der 1940er und 1950er Mathematiker, Physiker oder auch Elektroingenieure mit Fokus auf die technischen Grundlagen waren, finden sich auffallend viele (psycho)akustisch ausgebildete Forscher, die in den USA an neuralgischen Punkten der Konzeption, Umsetzung und Implementierung des Internet und seiner (Netzwerk)Struktur beteiligt waren. So – um nur einige prominente Beispiele zu nennen – J.C.R. Licklider (1915–1990), Psychologe, Robert W. Taylor (1932–2017), Informatiker und Psychoakustiker oder auch Leo Beranek (1914–2016), einer der namentlichen Vertreter auf dem Gebiet der (Raum-)Akustik. Licklider bspw., der häufig als eine Art Vater des ARPANET bezeichnet wird, war in der Experimentellen Psychologie sowie der Psychoakustik beheimatet und forschte zunächst am Harvard Psycho-Acoustics Laboratory. In seiner Position als Gründer des von der ARPA finanzierten Information Processing Techniques Office (IPTO) lag sein Interesse auf der Vernetzung und dem gegenseitigen Verständnis von Mensch-Technik und Mensch-Mensch. Medienarchäologisch argumentiert, ist diesen, bisher als Randphänomene behandelten akustischen Hintergründen Aufmerksamkeit zu schenken, indem sie aufgearbeitet und mit anderen Ordnungsregeln für Wissensbestände (Episteme) in Beziehung gesetzt werden. Zeitgleich zur Konzeptualisierung von computervermittelter und damit vernetzter Kommunikation, die in der Entwicklung des ARPANET mündete, wurde die elektronische Übertragung akustischer Signale in der Nachrichtentechnik, Kybernetik und Informationsästhetik stark thematisiert. Zudem machte die Raumakustik entscheidende Fortschritte, das Konzept des acoustic space wurde eingeführt und in den späten 1960er Jahren in Kanada im von R. Murray Schafer (1933–) ins Leben gerufene World Soundscape Project die Acoustic Ecology entwickelt, die die klangliche Umwelt und ihre soziopolitischen wie kulturellen Auswirkungen auf die Lebenswelt untersucht.

Für die Mitte des 20. Jahrhunderts lässt sich in der Forschung also eine auffällige Häufung akustischer Forschung und Theoriebildung feststellen, die bisher aufgrund anders gelagerter Forschungsperspektiven nicht zusammengedacht wurden, deren untergründige Verbindungslinien jedoch herauszuarbeiten sind: So bedeutet medienarchäologisch zu forschen, sowohl die Medientechnologien selbst als auch die Diskurse und die Bedingungen für das Entstehen von Medien zu be-/hinterfragen und mit gegenwärtigen, ‚neuen‘ Medien in Beziehung zu setzen. In den 1950ern/60ern fallen offenkundig spezifisches Wissen, Diskurse und Praktiken zusammen, die nicht linear auseinander hervorgehen. Ihre Verbindungen in Form verschlungener Pfade oder in der Mediengeschichtsschreibung vergessener Ideen, schlugen sich – so die Hypothese – als Akustizität im ARPANET und damit dem Internet nieder und könnten Aufschluss über mediale Effekte liefern, die sich heute in vernetzten kommunikativen Praktiken erkennen lassen.

Fazit: Medienarchäologie der acousticness des Internet

Es ist überfällig, die Wissensfelder zu untersuchen, die zu neuen Theorien und Praktiken führten und das Internet als Resonanzkörper akustischer Wissensbildung zu begreifen und so seiner Beschaffenheit als akustischem Raum Beachtung zu schenken. So wird es möglich, neue Erkenntnisse auf die vielen offenen Fragen bzgl. der digitalen, vernetzten Kultur und ihrer hervorgebrachten Phänomene zu gewinnen – weshalb diese akustische Epistemologie eingehender aufgearbeitet werden muss. Welche Beschaffenheit(en) und Funktionsweise(n) liegen dem Internet zugrunde, die bisher unbeachtet blieben aber unentbehrlich sind, um Effekte wie die massive Verbreitung von Fake News oder auch generell veränderte Kommunikations- und Rezeptionsweisen von Informationen in der digitalen bzw. Netz-Kultur fassen zu können? Wie ordnet die Beschaffenheit des Internet als ‚verrauschendes‘ bzw. noisy Medium die Kommunikation und Interaktion neu? Gleichzeitig ist die zugrundeliegende Frage zu stellen: Wie kann bzw. muss das Internet gedacht werden, um diese (be)greifen und beschreiben zu können?

Die Untersuchung dieser Fragen soll in einem sich in Vorbereitung befindenden Forschungsprojekt erfolgen, das auf den hier skizzierten Befunden basiert. Parallel zu einer medienarchäologischen Re-Lektüre und Neuaufarbeitung der Entstehung(skontexte) des Internet im Sinne einer akustischen Epistemologie sowie einer Medienarchäologie der Akustizität müssen hierfür auch mögliche relevante akustische Terminologien und Denkfiguren aus der Signalverarbeitung und Medientheorie (wie bspw. Signal, Noise, Rauschen, Resonanz) aufgearbeitet und auf ihre Fruchtbarkeit wie theoretische Relevanz überprüft werden. Die Konzeption des Internet als akustischer Raum im McLuhan’schen Sinne kann dazu beitragen, die Internetforschung aus ihrer starken visuellen wie netzwerktheoretischen Verankerung zu lösen und die Funktions- und Kommunikationsweisen des/im Internet dank dieser ‚akustischen‘ Perspektive neu verstehen zu können. Ein so zu erarbeitendes, um akustisches Wissen ergänztes Kommunikationsmodell schließlich verspricht, vernetzte mediale Praktiken in ihrer historischen wie aktuellen technologischen, kulturellen, sozialen wie kommunikativen Tragweite neu erfassen zu können.

Literatur

Bernhard J. Dotzler, Failure? Farewell? Destruction! A short reflection on visual studies or visual studies contra Bildwissenschaft. In: James Elkins, Sunil Manghani, Gustav Frank (Hrsgs.): Farewell to visual studies, University Park, Pennsylvania: The Pennsylvania State University Press, 2015, S. 215–217.

Bernhard J. Dotzler, Solveig Ottmann, Noisy Internet! Web Journalism as an Epitome of the Internet’s Acousticness. In: Marcus Burkhardt, Mary Shnayien, Katja Grashöfer (Hrsg.), Explorations in Digital Cultures, Lüneburg: meson press, 2020, S. 1–22. DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/14852.

Marshall McLuhan, Playboy Interview: Marshall McLuhan–A Candid Conversation with the High Priest of Popcult and Metaphysician of Media. Playboy (1969), S. 53-72+158.

Marshall McLuhan, Eric McLuhan, Laws of Media: The new Science, Toronto; Buffalo: University of Toronto Press, 1988.

Stefan Rieger, Medienarchäologie. In: Jens Schröter (Hrsg.), Handbuch Medienwissenschaft, Stuttgart: Metzler, 2014, S. 137–144.