Publikationsstrategien: Rückblick auf den AG-Workshop 2019


Autor*innen

Jan Torge Claussen, Ania Mauruschat und Kiron Patka

Diesen Beitrag zitieren

Jan Torge Claussen, Ania Mauruschat und Kiron Patka (2020): Publikationsstrategien: Rückblick auf den AG-Workshop 2019. In: Auditive Medienkulturen, 23. Februar 2020. Online: http://www.auditive-medienkulturen.de/2020/02/23/publikatiosstrategien-rueckblick-auf-den-ag-workshop-2019/

Am 27. Oktober 2019, auf der Jahrestagung der GfM in Köln, veranstaltete die AG Auditive Kultur und Sound Studies ihren zweiten Publikationsworkshop. Das Thema dieses Jahr lautete „Publikationsstrategien: Weblogs, AV-Inhalte, Open Access, Urheberrecht“. Im Mittelpunkt standen Fragen nach den rechtlichen Rahmenbedingungen, die die Publikation wissenschaftlicher Formate und insbesondere die Einbindung von Sound in Online-Publikationen auf unterschiedliche Weise beeinflussen, sowohl begünstigend als auch behindernd. Strukturiert wurde der Workshop von drei Impulsvorträgen. So sprach Jan Torge Claussen (Lüneburg) über Hybrides Publizieren, Ania Mauruschat (Basel) über Podcasts in der Lehre und Wissenschaftskommunikation und Kiron Patka (Tübingen) berichtete als Redakteur des AG-Weblogs Auditive Medienkulturen von seinen Erfahrungen mit Audiobeispielen in Beiträgen und Fragen zu Urheber-, Leistungsschutz- und sonstige Rechten, die sich dabei stellten.

Jan Torge Claussen: Hybrides Publizieren

Jan Torge Claussens Impulsreferat gründete auf seinen Erfahrungen mit der geplanten Publikation seiner Doktorarbeit (Open Access, gedruckt, online und mit AV-Inhalt) und alternativen Publikationsformen am Beispiel einer selbst entwickelten Audio-App „Soundslike?“. Außerdem stellte er die kommerzielle Web-Plattform „Researchgate“ vor, die er unter anderem im Rahmen einer Lehrveranstaltung eingesetzt hat.

Wer aktuell eine wissenschaftliche Publikation plant, muss sich neben den inhaltlichen Fragen zwischen vielen Möglichkeiten, Formaten und Tools entscheiden. Für die Veröffentlichung der eigenen Doktorarbeit wird zunächst ein geeigneter, möglichst renommierter Verlag gesucht. Daran schließen weitere Frage an: Soll die Arbeit nur in Print oder auch online erscheinen? Wie hoch fällt die Eigenbeteiligung aus? Soll die Arbeit kostenfrei und möglichst offen im Sinne von „Open Access“ zur Verfügung stehen? Open-Access ist zwar mit höheren Kosten verbunden, diese können aber auf Basis der Kooperation zwischen Universitätsverlagen, kommerziellen Wissenschaftsverlagen, staatlichen Förderern und den Autor*innen verringert werden. So erscheint die Doktorarbeit von Jan Torge Claussen beispielsweise im Universitätsverlag Hildesheim online unter „Open Access“ und gleichzeitig gedruckt über einen traditionellen Wissenschaftsverlag. 

Audiovisuelle Wissenschaften

Diese mittlerweile verbreiteten Publikationsstrategien aus Print und Online werden als „Hybrid Publishing“ bezeichnet. Insbesondere in den Medienwissenschaften beschränken sich die Veröffentlichungen dabei nicht zwangsläufig auf statische Texte und Bilder. Die bereits erwähnte Arbeit enthält viele Videodateien, die im Zuge einer empirischen Studie zum Umgang mit einem Musikvideospiel gemacht wurden und bezieht sich auf diverse zeitbasierte Medien, die sich im statischen Buch nicht abbilden lassen. Daher wird zusätzlich zum Buch eine kompakte Website entstehen, die diese Medien abbilden kann. Verlage wie  Oxford University Press, Transkript und andere bieten zwar bereits vergleichbare Microsites zu diesem Zweck an, die Usability ist aber auch hier eingeschränkt. Daher weichen Forscher*innen zur Verbreitung dynamischer audiovisueller Inhalte auf kommerzielle Anbieter wie Youtube, Soundcloud und andere Plattformen aus. Als Alternativen wurden in der Diskussion unter anderem Nonprofit-Organisationen wie das Internet-Archiv archive.org sowie das europäische Wissenschaftsnetzwerk OpenAire genannt.

Stets muss ein Kompromiss zwischen einer dem Inhalt gerecht werdenden Strategie, deren Umsetzbarkeit, zwischen Kosten und Rechtsfragen aber auch der Anerkennung in Wissenschaftskreisen gefunden werden. Wie beispielsweise anhand der Videoplattform YouTube anschaulich wird, sind nicht die linearen Videoaufnahmen alleine entscheidend,  sondern deren Metadaten und Einbindung über ein nutzerfreundliches Interface und in eine Community. Apps und Games gehen nur einen kleinen Schritt weiter, indem sie Mechanismen wie Wettkampf, Zufall und Rollenspiel verstärken, die bei genauerer Betrachtung auch bei anderen Veröffentlichungen gegeben sind. Forschungsarbeiten aus dem Bereich der Spieltheorie und der Game Studies bieten in dieser Hinsicht Ansätze, aktuelle Publikationsformen zu analysieren und neue Formen akademischen Publizierens zu entwickeln.

Eine App als Publikationsformat

Bei der App Soundslike? handelt es sich um eine Art Sound-Memory, das Audio- und Videodateien einbindet. Die Alternative zu diesem Format hätte auch ein Text sein können, der hervorhebt inwiefern Musik stets im Verhältnis zu einer visuellen Vorstellung steht und auch Alltagsgeräusche musikalisch sein können. Theoretische Bezüge zum Soundscape nach Murray Schafer oder zur Musique Concrète ließen sich im Textformat adäquat adressieren. Bei der App steht dagegen die ästhetische Wahrnehmung und die individuelle Partizipation im Vordergrund.

Vernetzte Publikationen

Eine weitere, gegenwärtig verbreitete Publikationsstrategie abseits von konventionellen Printpublikationen stellen Websites wie Researchgate oder Academia dar. Viele Forscher*innen nutzen diese Plattformen zusätzlich zur Print-Publikation, da ihre Stärke in der Erreichbarkeit und in der Vernetzung liegt. Buchkapitel und Zeitschriftenbeiträge, die Wissenschftler*innen hier nachträglich publizieren, bekommen in der Regel mehr Aufmerksamkeit, während sich gleichzeitig verschiedene Möglichkeiten der Vernetzung mit anderen Autor*innen und Leser*innen ergeben. Im Rahmen einer Lehrveranstaltung, die Jan Torge Claussen regelmäßig in Hildesheim gibt, haben Studierende diese Funktionen erprobt. Sie haben Essays, die sie als Studienleistung verfasst haben, hochgeladen und anschließend gegenseitig kommentiert. Die eigenen Texte wurden also nicht nur vom Dozierenden gelesen, die Studierenden bekamen mehr Feedback und lernten Skills im Umgang mit einer Kommunikationsplattform, die im Zeitalter der „Digital Humanities“ nicht zu vernachlässigen sind. Die Einbindung von Audios und Videos ist allerdings auch hier wieder sehr begrenzt und der Anbieter der Plattform kommerziell.

Ania Mauruschat: Podcasts in der Wissenschaftskommunikation

Podcasts in der Lehre und zur Wissenschaftskommunikation haben sich in den vergangenen Jahren zu einem stetig expandierenden und bereits rege erforschten Feld entwickelt. In ihrem Input-Referat stellte Ania Mauruschat zwei Projekte vor, die sie 2018 und 2019 durchführte: The Road to Brexit und Gras wachsen hören. Dabei handelte es sich um studentische Podcasts, die sie gemeinsam mit Studierenden der Anglistik an der Universität Basel (CH) und der Europäischen Medienwissenschaft in Potsdam (D) erarbeitete.  

Eine der Hauptherausforderungen war in beiden Fällen der professionelle Umgang mit der Audiotechnologie, da keine*r der Teilnehmenden über entsprechende Erfahrungen mit Aufnahme, Schnitt oder Mischung verfügte. Dies machte es jedes Mal notwendig mit einem professionellen Studio zusammenzuarbeiten, um eine ausreichende Audioqualität zu erzielen. Sinn der Podcasts war es schließlich, die Ergebnisse der Seminare einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren und so auch auf Ebene des Studiums zur Wissenschaftskommunikation beizutragen. Zugleich ging es jedoch in beiden Fällen darum, die Studierenden ganz praktisch mit akustischen Medien sowie audionarratologischen und journalistischen Aspekten vertraut zu machen. 

Rechtsfragen, die sich bei der Produktion stellten, betrafen v.a. das Urheberrecht, z.B. hinsichtlich eines Zitates aus einem neu erschienen Roman oder eines O-Tons aus einer Rede von Winston Churchill, die auf Youtube zugänglich ist. War es im ersten Fall nötig bei dem entsprechenden Verlag nachzufragen und die offizielle Erlaubnis für die Verwendung des Zitats schrifltich einzuholen, so ergab die Rücksprache mit Urheberrechtsexperten, dass die Zitate von Winston Churchill gemäß des Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetzes verwendet werden dürfen. 

Sollte die AG überlegen, auch auf ihrem Weblog einen Podcast zu veröffentlichen, so wären auch hier die beiden Hauptherausforderungen einerseits die professionelle Produktion und andererseits die jeweilige Abklärung der Rechte bzgl. des Materials aus Archiven o.Ä. 

Eine Übersicht und Auflistung diverser Wissenschaftspodcasts aus dem deutschsprachigen Raum findet sich hier.

Kiron Patka: Rechtsfragen rund um den AG-Weblog 

Kiron Patka blickte in seinem Impulsvortrag in knapper Form auf das vergangene Jahr des Online-Magazins Auditive Medienkulturen zurück und zog vor allem ein Fazit: Obwohl sich das Magazin auf die Fahnen geschrieben hatte, verstärkt Audiomaterial in die Beiträge einzubinden, obwohl sämtliche Beiträge einen starken Bezug zu auditiven Phänomenen aufweisen, bleiben die meisten Beiträge doch stumm und lassen nichts hören. Es fehlt kaum an gutem Willen, aber es gibt eine Reihe von Hindernissen.

Dazu gehört offenbar eine gefühlte Rechtsunsicherheit. Zwar gibt es das Zitatrecht, auf das man sich in vielen Fällen hätte berufen können, doch sind die Archive, die das Material zur Verfügung stellen müssten, teilweise sehr zurückhaltend. Bei Bildern scheinen die Bedenken geringer zu sein als bei Audiomaterial. Ein Grund dafür mag vielleicht tatsächlich in der Rechtsprechung oder der juristischen Einordnung liegen: In vielen online zugänglichen Diskussionen und Erläuterungen der rechtlichen Situation werden Bilder als Beispiele für „Medien“ verwendet. So geben solche Texte verständliche Hinweise dazu, wie Bilder beispielsweise unter dem Zitatrecht eingebunden werden können, an wen man sich wenden muss, wie man sich rechtlich absichert. Erläuterungen anhand von Audioinhalte sind – abgesehen von dem Sonderfall Musik – selten; es fehlt also an Positiv-Beispielen.

Diskussion

Außer den drei Referent*innen nahmen an dem Workshop u.a. folgende Personen teil: 

  • Britta Nölte (Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek Konstanz, betreut OpenAccess.net, BMBF-Projekt zu fachspezifischen OA-Projekten)
  • Valentin Ries (studiert Musikwissenschaft in Köln; plant einen Podcast in der Musikwissenschaft mit Interviews)
  • Sigrun Lehnert (wissenschaftliche Mitarbeiterin in Hamburg, forscht zu Wochenschau, würde gerne AV-Inhalte des Bundesarchivs online stellen, interessiert sich für das Image von OA)
  • Julian Becker (Interesse an Rechtsfragen zum Samplen)
  • Fritz Schlüter (Doktorand am Graduiertenkolleg “Das Wissen der Künste” an der UdK Berlin, Interessenschwerpunkt auf auditiven Inhalte in gedruckten Texten)
  • Sarah-Mai Dang (Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Marburg und Mitbegründerin der AG Open Media Studies und des Open-Media-Studies-Blog)
  • Laura Niebling (Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Regensburg und Vorstandsmitglied von NECS, in dessen Kontext sie sich mit Open Access in der Wissenschaft beschäftigt hat) 
  • Jens Gerrit Papenburg (Professor für Musikwissenschaft / Sound Studies an der Universität Bonn)

Ein Punkt, der die Teilnehmer*innen wie bereits im Vorjahr wieder besonders interessierte, war die Frage danach, wie sich AV-Inhalte mit gedrucktem Text verschränken lassen. War auf dem ersten Workshop in Siegen eine Art Tiptoi-Stift für wissenschaftliche Texte diskutiert worden, galt dieses Mal das Interesse vor allem der online Bereitstellung von Text begleitenden Sounds. Vor dem Hintergrund von Jan Torge Claussens Vortrag zum Hybrid Publishing wurden angesichts der kommerziellen Plattformen Youtube und Soundcloud v.a. Alternativen wie archive.org Community Audio diskutiert.

Ebenfalls rege diskutiert wurden die Vor- und Nachteile von kommerziellen sozialen Netzwerken zur Wissenschaftspublikation wie Researchgate und Academia. Dabei wurde auf OpenAccess-Initiativen wie Hypothese.org und OpenAire.eu verwiesen und ihre Bedeutung für den AG-Weblog diskutiert. Bzgl. einer Klärung von Rechtsfragen für künftige Publikationen mit AV-Inhalten auf dem Weblog wurde insbesondere an die Informationsplattform irights.info erinnert, die sich bereits seit 2005 diesem Thema widmet. Abschließend wurde einerseits angedacht für den nächsten Workshop eine*n Expert*in von irights.info einzuladen, andererseits kam die Idee auf, den Weblog der AG Auditive Kultur und Sound Studies mittelfristig selber zu einer informativen Ressource mit Einschätzungen, Positionen und praktischen Beispielen von Expert*innen zur Publikation von Sound im Netz zu entwickeln.

Ein Call for Participation zum nächsten Publikationsworkshop der AG Auditive Kultur und Sound Studies auf der GfM 2020 in Bochum folgt in Kürze.