Von der Notenschrift zur digitalen Phonographie: Rolf Großmann und die Avantgarde der Sound Studies in Deutschland


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Ania Mauruschat

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Ania Mauruschat (2021): Von der Notenschrift zur digitalen Phonographie: Rolf Großmann und die Avantgarde der Sound Studies in Deutschland. In: Auditive Medienkulturen, 7. Juli 2021. Online: https://www.auditive-medienkulturen.de/2021/07/07/von-der-notenschrift-zur-digitalen-phonographie-rolf-grossmann/

Prof. Dr. Rolf Großmann in seinem Büro mit einer Kalimba und einer Crackle Box

Rolf Großmann, Jahrgang 1955, ist seit 1997 an der Leuphana Universität Lüneburg tätig. Dort baute er zuerst den Schwerpunktbereich ((audio)) ästhetische strategien auf und bekleidet dort seit vielen Jahren die Professur für Auditive Gestaltung und Digitale Medien. In diesen Funktionen hat er die Entstehung der Sound Studies als neuem, interdisziplinärem Forschungsfeld nicht nur aus nächster Nähe verfolgt, sondern auch mit seinen eigenen Forschungen und Schriften zur “phonographischen Arbeit” und zur Medienmusik die Sound Studies im deutschsprachigen Raum maßgeblich mitgeprägt. Bevor Rolf, der auch seit vielen Jahren Mitglied der AG Auditive Kultur und Sound Studies ist und unsere Arbeit großzügig unterstützt hat, diesen Herbst in den wohlverdienten Ruhestand geht, hat er außerdem die AG auch ein zweites Mal zur ihrer Jahrestagung nach Lüneburg eingeladen. Dort findet die 8. AG-Jahrestagung vom 8. bis zum 10. Juli 2021 an der Leuphana Universität in hybrider Form statt und steht unter dem Motto The Sound of Sound Studies. Die Tagung ist somit auch als eine Art Bestandsaufnahme der Sound Studies gedacht. All das war mehr als Anlass genug für uns, vorab mit Rolf ein Gespräch für unseren AG-Podcast “Sounds of Sound Studies” zu führen und ihm die erste Folge der ersten Staffel zu widmen. Die Folge hören könnt Ihr hier. Zum Einstieg haben wir ihn bei unserem Besuch in seinem Büro gefragt: Hast Du einen Lieblingssound, einen Lieblingsklang oder ein Lieblingsgeräusch?

Rolf Großmann: Lieblingssounds sind für mich immer schwierig, weil ich denke, dass jeder Sound in seiner Umgebung lebt und zu einem sehr, sehr schönen Sound werden, wenn man sich genug vertieft. Ein Beispiel dafür sind die field recordings, die wir in Tunis für das Projekt Frontier Zones gemacht haben. Da gibt es einen Übergang von einer etwas ruhigeren Wohngegend, wo die Jugendlichen selber trommeln und Geräusche machen und Geräusche hören wollen, in eine laute Straßen- und Straßenbahn-Umgebung. Diese belebte Straße hat ein völlig anderes sound environment als das, das wir vorher haben, und dieser Übergang ist einfach irre spannend und macht großen Spaß.

Ania Mauruschat: Können wir das mal hören?

[Rolf Großmann öffnet seinen Laptop und spielt eine Präsentation mit Fotos von Jugendlichen mit Aufnahmegeräten in einem Stadtviertel von Tunis ab, die mit Aufnahmen der Stadtgeräusche unterlegt ist. Während wir die Bilder ansehen und Geräusche hören, erklärt er: ]

Zum Beispiel die Schleifgeräusche der Straßenbahn sind einfach super interessant, wenn man den Kopfhörer auf hat …. Jetzt kommt noch die Baustelle dazu …. und dann fangen die Jugendlichen selber an zu trommeln und zu spielen auf diesen Materialien…. das ist ein LKW-Kotflügel, das sieht man jetzt hier natürlich nicht [lacht] …. und das sind Mülltonnen …

Das ist ja eigentlich schon fast Musique concrète, also Musik mit Geräuschen.

Ja, auf jeden Fall, wobei es hier eben nicht um die Musik primär ging, sondern um die Erfahrung, und diese Erfahrung kann man auch nachvollziehen in dem Schneidevorgang und kann sich das noch mal genau so intensiv anhören.

Kalimba und Crackle Box in Aktion

Welche Erfahrung würdest Du sagen ist das, die da so zentral ist?

Dass man die Welt ganz anders erfährt durch den Klang, den man hört, und dass man, wenn man sich so einem LKW nähert und dann anfängt auf dem LKW-Kotflügel Percussion zu machen, eine ganz andere Annäherung hat, als wenn der an mir vorbeifährt und nur laut ist. [lacht]

Zur Geschichte und zum Begriff der Sound Studies

Ich bin ja heute hier, um mit Dir über Sound Studies zu sprechen, diese besondere Disziplin, die sich in den vergangenen rund 20 Jahren immer stärker herausgebildet hat, zuerst vor allem im englischsprachigen Raum und in den vergangenen Jahren auch zunehmende im deutschsprachigen Raum. Du warst aber hier in Deutschland immer schon damit beschäftigt, hast also diese ganze Entstehung mitgekriegt. Wie siehst Du diese Entwicklung der Klangforschung von ihren Anfängen bis heute, insbesondere auch im deutschsprachigen Raum?

Ich finde Klangforschung ist schon mal ein ganz gutes Wort, weil es Sound Studies im eigentlichen Sinne ja noch gar nicht so lange gibt. Wenn man sich die Gründungsdokumente der Sound Studies anschaut, dann sind die von irgendwann um die 2000er Jahre, nach den 2000er Jahren eigentlich erst. Wir haben aber natürlich vorher mit R. Murray Schafer und anderen Leuten und mit der Musique concrète schon eine große Tradition der Soundforschung, die aber eben auch andere Schwerpunkte hatte.

Im Moment gib es ja so eine Auseinandersetzung um die Frage: „Auditive Kultur“ oder „Sound Studies“? Also „auditive Kultur“ als so ein breiter Bereich, der sich kulturbezogen mit Audio, mit Sound auseinandersetzt, während „Sound Studies“ auch beeinflusst ist von Dingen wie New Materialism oder so. Das sehe ich eigentlich kritisch, aber es gibt so einen Diskurs im Moment.

Was genau siehst Du kritisch?

Dass man Sound Studies so stark mit dem New Materialism verkoppeln will.

Kannst Du da kurz noch was erklären für unsere Hörerinnen und Hörer?

Ja, also New Materialism heißt ja ausgehend von Christoph Cox, dass das Sein der Klänge schon an sich wirkt, schon vor jeder Kultur, wenn man so will, d.h. also die Materialität der Klänge, was man ja durchaus auch beobachten kann, wirkt, und die wirkt bei jedem Menschen. Das ist für ihn so eine Art Ausgangspunkt. D.h. also Klänge vor jeder Bedeutung, die ihnen zugeteilt oder zugeschrieben werden, ziehen schon eine Affektwirkung nach sich. Das ist etwas, das stark diskutiert wird: Ob man das machen kann, dass man wieder eine neue Ontologie, die ja lange Zeit eigentlich Tabu war, gerade in den Kulturwissenschaften, wieder einführt. Das ist im Moment so ein Diskurs.

Und wie siehst Du das? Du sagst ja, Du siehst das kritisch. Du wärst für so eine neue Ontologie also nicht zu haben oder würdest da nicht mitgehen, oder wie ist das?

Also ich glaube schon, dass man das machen kann, und dass man da auch darüber nachdenken kann, aber allein das Wort „Ontologie“ ist ja für mich selber eine Art Rationalisierung. Wenn ich jetzt frage: Was ist denn das, was Du fühlst oder was Du weißt, was vor allen Dingen da ist? Dann ist das etwas, was ich nicht ausdrücken kann. Deshalb ist das was, was in den Diskurs gar nicht rein kann als solches. Man kann natürlich das Wissen darüber, dass es vielleicht so etwas gibt, in den Diskurs einbringen, aber es ist die Frage, wie produktiv das wird. Darum finde ich es immer noch produktiver im Rahmen von Kulturen oder von Medienkulturen ­– in meinem Falle – zu denken, weil das für mich mehr Halt, mehr Sicherheit hat. Es kommt ja dann auch der Vorwurf, dass das eine weiße Ontologie ist, und dass das eine bis hin zum Rassistischen gehend, also eine rassistische Ontologie ist oder so. In diese Auseinandersetzungen würde ich eigentlich nicht so gerne einsteigen wollen.

Also die Ontologie ist ja eine Unterdisziplin der Philosophie, der westlichen Philosophie, die nach dem Sein an sich fragt. Du würdest aber sagen, Du siehst Dich eher als Kulturwissenschaftler, der sich mit Kultur und mit Praktiken beschäftigt und damit was die Leute eigentlich machen mit den Instrumenten und den Geräten und den Maschinen? Welche Klänge und Kultur erzeugen sie? Welche kulturellen Praktiken haben sie?

Auf jeden Fall. Also ich würde die Ontologie nicht – oder dass es etwas gibt, das vor allem ist, das meint ja Ontologie –, das würde ich nicht verneinen und ich würde es auch nicht verdrängen wollen. Insofern ist es gut, über die Materialität des Sounds nachzudenken. Aber das Jenseits von Kultur und von den Dingen, die uns umgeben, zu tun, das macht für mich einfach wenig Sinn.

Nun ist aber interessant, dass Du eigentlich sagst, dass das Problem dieser Frage nach der Ontologie in dem Begriff der „Sound Studies“ drin steckt. Andererseits ist ja die nächste AG-Tagung, die hier in Lüneburg stattfindet, genau dem Thema The Sound of Sound Studies gewidmet. Ihr wollt diese Vielfalt der Sound Studies, von der die Beschäftigung mit auditiven Kulturen vielleicht ein Aspekt ist, die wollt ihr hier einfangen. Wie erklärst Du denn Leuten, die keine Ahnung haben, was Sound Studies ist? Was ist Deine Definition von Sound Studies? Und verstehst Du Dich als Sound Studies Vertreter? Trotz dieser Differenzierungen, die wir gerade im Gespräch hatten?

Ja, also zuerst, das wäre ein Missverständnis, wenn ich mich dieser Differenzierung anschließen würde. Ich hab’ nur gesagt, es gibt einen Diskurs darüber im Moment, und ich glaube, dass das nicht produktiv ist, wenn man das tut. Man hat ja eine Zeit lang „auditive Kulturen“ und „Sound Studies“ irgendwie parallel verwendet, und es war gar nicht klar, dass es da vielleicht einen Unterschied geben könnte. Man kann darüber nachdenken, aber man sollte jetzt auf keinen Fall Grenzpflöcke einziehen. Grenzpflöcke sind immer unproduktiv, hab’ ich das Gefühl.

Rolfs Werdegang

Um mein Verständnis von Sound Studies zu erklären, vielleicht kann ich einfach von meinem Weg ausgehen, wie ich in diese Richtung auditive Kulturen und Sound Studies gekommen bin? Eigentlich bin ich tatsächlich traditioneller Musikwissenschaftler, der aber nie seinen wirklichen Ort in der Musikwissenschaft hatte, weil damals, als ich Musikwissenschaft studiert habe, der Jazz noch gar nicht musikwissenschaftsfähig war. Die Ausnahme war Gießen, wo ich dann auch studiert habe bei Ekkehard Jost, der war aber so von seinem Jazz-Idiom eingegrenzt, dass er meine ästhetisch-philosophischen Positionen und Fragen, die ich dann in der Dissertation klären wollte, gar nicht so interessant fand und mich weiter geschoben hat an einen Dahlhaus-Schüler und so bin ich dann doch ganz konventionell in der Musikwissenschaft „ausgebildet“ worden. Das ist sozusagen die Herkunft, die aber außerdem nicht ganz so hermetisch war, weil ich eigentlich aus Bonn kam und dort Physik studiert hatte, und irgendwie wollte ich auch so ein Naturwissenschaftsverständnis weiter haben. Da kommt jetzt der Siegfried J. Schmidt ins Spiel, der als Einführer des radikalen Konstruktivismus in Deutschland doch eine sehr tolle und starke Position hatte, die ich irre spannend fand damals. 1972 hatte er schon das Buch Ästhetische Prozesse geschrieben, seitdem gab’s die Prozesshaftigkeit der Ästhetik, da gab’s eigentlich alle Elemente schon, die man dann auch in den 80er, 90er Jahren weiter entwickeln konnte. Das Interessante ist: Man wollte ihn damals an keiner der deutschen Traditionshochschulen haben, nur die Siegener Universität, die damals Gesamthochschule hieß, wollte ihn haben. Dort hat man ihm und anderen Leuten Raum gegeben. Das ist also kein Zufall, dass die qualitative Medienwissenschaft in Deutschland größtenteils auch Siegener Wurzeln hat. Aus diesem Konglomerat komme ich, und es machte darum gar keinen Sinn für mich, die reine Lehre der Musikwissenschaft weiter zu treiben, weil das was ich tat, da gar nicht weiter drin vorkam.

Es bedurfte einer Erweiterung und ich hatte das riesige Glück in Lüneburg kulturwissenschaftlich weiterzukommen, in Siegen medienwissenschaftlich, so dass ich eigentlich so eine – ja wie soll man das sagen? So eine Palette von verschiedenen Annährungen von der traditionellen Musikwissenschaft über die Medienwissenschaft über die Kulturwissenschaften habe, und das ist für mich so etwas, das absolut in Richtung Sound Studies geht.

Sound Studies Studiengänge in Deutschland

Für mich ist übrigens Holger Schulze derjenige, der die Sound Studies in Deutschland etabliert hat. Der hat das dann tatsächlich in einem Studiengang umgesetzt, was wir hier nicht haben. Unser Studiengang heißt „Musik und Auditive Kultur“ in der Vertiefung, also da kommt der Name Sound Studie nicht vor. Der kommt dann erst im Master in der Vertiefung Sound Studies vor.

Das war an der UdK in Berlin, vor ungefähr so – zehn, 15 Jahren?

Nee, ich glaube, das war schon Ende der 90er. Also das ist schon 20 Jahre her. Es hieß da auch noch nicht Sound Studies. Glaube ich jedenfalls. Das muss man Holger fragen. Deswegen machen wir ja die Tagung, um das ein bisschen rauszubekommen, wie das eigentlich war.

Du hast ja selber, wie finde ich, einen tollen Text geschrieben, der 2015 in Navigationen erschienen ist, über „Sound Cultures, Audio Cultures, Auditory Cultures“, wo Du diese ganze Entwicklung in Deutschland sehr gut nachzeichnest. Es gab ja doch einige Schwierigkeiten im deutschsprachigen Raum, hier so ein Feld wie Sound Studies zu etablieren. Was für Schwierigkeiten waren das? Oder wo siehst Du die Hauptprobleme, warum das so lange gedauert hat, bis das im deutschsprachigen Raum auch als Forschungsfeld, als neue Disziplin bzw. „interdisziplinäre Disziplin“ angekommen ist?

Also ich glaube, dass deutsche Hochschulen sich ohnehin mit Interdisziplinarität oder Transdisziplinarität schwertun. Wenn man sich die Geschichte anschaut, dann sieht man, dass es hierzulande eigentlich noch gar nicht wirklich eine Etablierung dieser Sound Studies als Studiengänge zum Beispiel gibt. Holgers „Traditionsstudiengang“, wenn man so will, der dann nachher von Volker Straebel und anderen weitergeführt wurde, ist ein Weiterbildungsstudiengang. Das ist kein grundständiger Studiengang, der irgendwie „Sound Studies“ heißt. Es gab zwar immer einen grundständigen Studiengang in Bonn, der dann später irgendwann in den 2000ern kam, aber der machte nicht das, was wir unter Sound Studies verstehen, sondern der machte irgendwas zwischen Popular Music Studies, Deutschpop und klassischer Musikwissenschaft. Vielleicht in Düsseldorf gibt es inzwischen so etwas wie Sound Studies. Bei uns gab‘s das auch nur in der Vertiefung in den Kulturwissenschaften, aber das ist gerade wieder abgeschafft worden, im Zuge meiner Ruhestandsregelung. D.h. es gibt zwar jetzt eine Professur Sound Studies, die ausgeschrieben wurde, aber die hat keinen Studiengang mehr. [lacht] Das sind so Kuriositäten, die zeigen, dass Sound Studies eigentlich in Deutschland noch nicht wirklich in der akademischen Welt angekommen sind.

Phonographische Arbeit und Gegenstände der Sound Studies

Du hast gerade noch mal gesagt: „Was wir unter Sound Studies verstehen.“ Kannst Du das noch mal erklären? Was versteht Ihr unter Sound Studies?

Ja, also diese Öffnung, sowohl eine methodische als auch eine Öffnung für die Phänomene, für die Gegenstände, die man betrachtet. Also, erster Punkt: Es wird nicht nur Musik betrachtet als Klangphänomen, sondern es wird die gesamt auditive Kultur betrachtet. Es werden Geräusche betrachtet, es werden z.B. Stadtsounds oder field recordings auch miteinbezogen, was ich für selbstverständlich halte. Wenn man sieht, dass in der zeitgenössischen Musik seit Pierre Schaeffer das längst alles ausgearbeitet ist und experimentell erprobt wird, da ist das irgendwie völlig kurios, dass das eben noch kein Gegenstand der wirklichen Musikwissenschaft oder der Wissenschaft vom Sound ist.

Oder auch seit Walter Ruttmann schon, WEEKEND, 1930, da gab’s ja auch schon die ersten Experimente mit Geräuschen und deren musikalischem Potential.

Ja, ganz genau, also sein Hörfilm –

Naja, ich sag’ immer „Studie“, „Hörspiel-Studie“, aber er hat’s auf Lichttonfilm, also auf Filmmaterial, aufgenommen, weil es eben noch kein Tonband gab, wo man es hätte speichern und schneiden können, was er ja mit den Stadtaufnahmen, die er hatte, gemacht hat.

Aber er hat nachträglich dann glaube ich doch noch eine Partitur dafür gemacht, damit man das auch noch mal nachlesen kann. Das ist ja auch bei Pierre Schaefer so, dass die dann versuchten sich nachträglich noch sich eine Legitimation vor den etablierten Wissenschaften zu geben, was heute nicht mehr notwendig ist, weil wir diesen starken Sektor haben der „phonographischen Arbeit“, wie ich es nenne. Da ist hakt alles drin, da sind alle Klänge dring, es macht überhaupt keinen Sinn irgendwelche Klänge auszuschließen, und es macht eben auch keinen Sinn, andere Phänomene, die sich im Umgang mit Klängen ergeben, z.B. funktionale Klänge oder so etwas, aus der Betrachtung auszuschließen. Und um zu der Frage zurückzukommen: Was ist Sound Studies? Das ist diese Öffnung dafür. Sound Studies ist sowohl eine Öffnung für Medien, das ist eine Öffnung für Kultur, das ist eine Öffnung für andere Zusammenhänge, die man bisher nicht in den Blick nehmen konnte. Und Jonathan Sterne oder auch Holger sagen das ja ganz explizit, dass das ein ganz riesiger Bereich ist, für den man sich qualifiziert, indem man eben diese „Studies des Sounds“ betreibt. Das finde ich ist eine sehr schöne Definition.

Zukunft der Sound Studies

Wie glaubst Du denn, dass die Zukunft der Sound Studies aussehen wird, von 2021 aus gedacht? Wir haben ja bisher mehr so eine Rückschau der letzten 20, 25 Jahre betrieben. Schauen wir mal 20, 25 Jahre nach vorne: Hast Du da irgendwelche Ideen, Visionen, Überlegungen? Was Du glaubst in welche Richtung sich das entwickeln könnte?

Also die Zeit der Pioniere ist jetzt so langsam vorbei. Naja, das kann man vielleicht nicht sagen, das wäre ein bisschen böse gegenüber denen, die noch viel jünger sind als ich. Aber diese Pionierzeit geht jetzt so langsam vorbei, denke ich. Und dann werden sich die Sound Studies ausdifferenzieren, glaube ich, z.B. in so etwas wie Urban Sound Studies, und es wird sicherlich auch eine Auseinandersetzung über postkoloniale Tendenzen geben, über die Schwierigkeiten des Weiß-Seins, also die weißen Sound Studies sozusagen, diese Auseinandersetzung, die wird es auch geben, und die beginnt gerade. Es gibt ja den Text Remapping Sound Studies

Und Indigenous Sound Studies auch, von Dylan Robinson, Hungry Listening, ein wichtiges Buch auch.          

Genau, man hat diese ganzen Ausgangspunkte, Sensory Ethnography und Anthropologie. Deswegen sind auch die beiden Bücher wichtig, die zur Sound Art und zur Sound Anthropology gerade letztes Jahr erschienen sind, von Holger Schulze und Sanne Krogh Groth. Die sind wichtig, weil die keinen enzyklopädischen Anspruch haben, sondern die haben den Anspruch das aufzureißen und das zu öffnen.

Also zwei Handbücher, die bei Bloomsbury erschienen sind, einmal Handbook of Sound Art und einmal Handbook of the Anthropology of Sound.

Genau, und das sind eben keine konventionellen Handbücher, wo man so einen Begriff nachschlägt: Was ist Sound Art eigentlich? Sondern da kriegt man wirklich die ganze Bandbreite von Sound Art um die Ohren gehauen, und das muss man eben erst mal durchstehen, und damit muss man umgehen lernen. Das macht die Bücher so wichtig, finde ich.

Also nach so einer Pionierphase und einer hoffentlich auch im deutschsprachigen Raum einsetzenden Bewusstseinserweiterung hinsichtlich das Umgangs mit Klang in der Wissenschaft, glaubst Du, dass es eine Ausdifferenzierung geben wird?

Ja, das glaube ich schon. Und ich würde mir wünschen, gerade auch in Bezug auf unsere Tradition, dass auch diese kulturwissenschaftliche Tradition weiter eine Rolle spielt, und zwar nicht in dem Sinne, dass man einfach nur über Sound und Kultur redet, sondern dass man auch schaut: Wie ist das eigentlich ganz konkret gemacht? Wie gehen die Leute mit Sound um? Wie hören sie genau? Was ist z.B. Streaming? Wie geht das? Radioforschung z.B. ist auch ein ganz tolles Thema, weil wir auf einmal diese Verlangung von Radio in Richtung Podcast, in Richtung Streaming und so weiter haben, und es heißt ja zum Teil trotzdem auch noch „Radio“ in den Etiketten, also das sind so Entwicklungen, die muss man einfach verfolgen.

Rolfs Beitrag zu den Sound Studies

Was würdest Du denn sagen: Was ist Dein Beitrag zur Entwicklung der Sound Studies in Deutschland?

Durch diese komische Mischung, die ic mit Medienwissenschaft und Kulturwissenschaft hatte, hab’ ich ein Bewusstsein dafür ausbilden können, was mit dem Wandel der Schriften verbunden ist. Also der Notenschrift, ganz platt gesagt, zur phonographischen Schrift, und der Arbeit mit Phonographie. Und heutzutage, wenn man sich anschaut, wie arbeiten Leute, auch klassische Komponisten, auch zeitgenössische «E»-Komponistinnen und Komponisten, – Holly Herndon z.B. ist ein super Beispiel –, die arbeiten mit KI und mit allem Möglichen, mit Zweckentfremdung und mit all diesen Strategien, die eigentlich die Strategien sind, die – Kittler würde sagen aus dem „Missbrauch von Heeresgerät“ entstanden sind, ich würde nicht so weit gehen. Aber es ist auf jeden Fall eine Zweckentfremdung von Konsumgeräten. Und das macht einfach Spaß daran zu arbeiten, und das ist glaube ich auch mein Beitrag, dass ich versucht habe, diesen Wandel irgendwie zu beschreiben und verständlich zu machen.

Welchen Sound Rolf gar nicht mag

Auf jeden Fall. Nachdem ich Dich zum Beginn unseres Gesprächs nach Deinem Lieblingsklang, -sound oder -geräusch gefragt habe, nun zum Abschluss die Frage: Gibt es etwas, was Du gar nicht hören magst, kannst, willst? Gibt es ein ganz furchtbares Geräusch oder einen furchtbaren Sound für Dich?

Ja, das ist der Rückfall in die Sound Ontologie, den ich jetzt habe, nämlich wenn jemand an der Tafel mit dem Fingernagel oder der Kreide abrutscht, das ist für mich ein Sound, den kann ich wirklich nicht ertragen. Ich weiß nicht, ob der kulturunabhängig ist oder nicht, also das wäre ein starkes Argument für die New Materialism Leute [lacht], aber das ist so ein Sound, den mag ich wirklich nicht.

Den spielen wir jetzt auch nicht ein, das kann ich mir nämlich gut vorstellen, dass es Dir nicht alleine so geht. [Beide lachen.]

Ja, das denke ich auch.

Vielen Dank für das Gespräch, Rolf.

Gerne.